DAS OSTERFEUER IN JERUSALEM
Aus: Chronologie, des muslimischen Gelehrten Al-Biruni (973-1048). Uebersetzung von Gotthard Strohmaier: Al-Biruni/In den Gaerten der Wissenschaft/Reklam-Leipzig 1991
In den vier Evangelien heisst es, dass Christus an jenem Tage, naemlich an einem Donnerstag, einen seiner Juenger nach Jerusalem schickte. Ihm liess er einen Mann entgegenkommen, der einen Tonkrug auf der Schulter trug, und befahl ihm, diesen anzuweisen, fuer ihn und seine Anhaenger ein Essen herzurichten, um bei ihm das Passah zu feiern. Der Angesprochene aber bereitete das ungesaeuerte Brot und alles andere vor, was die Juden zum Passah brauchen. Zur Nacht kam Christus zu ihm und feierte bei ihm in einem Zimmer im Obergeschoss mit den Juengern das Passah. Auch wusch er ihnen die Fuesse, um sie zu ehren, und dasselbe tun nun die Priester mit ihren Amtsgenossen in dieser Nacht. Dann sprach er zu ihnen: "Wisset, dass einer von euch mich in dieser Nacht verraten und verlassen wird." Daraufhin verliess er dieses Zimmer und stieg auf den Oelberg. Auch Judas Ischarioth, der einer der Juenger war, ging weg und
verleumdete ihn bei den Priestern und Vornehmen der Juden und nahm dafur ein Geschenk von dreissig Drachmen und fuehrte sie zu ihm. Sie aber ergriffen ihn, schlugen ihn, setzten ihm einen Kranz aus Dornen auf, beschimpften ihn und taten ihm alle moeglichen Gemeinheiten an und quaelten ihn diese Nacht bis zum Morgen. Dann kreuzigten sie ihn in der dritten Stunde des Freitags laut der Angabe des Matthaeus, des Markus und des Lukas. Jahannes dagegen behauptet, dass er in der sechsten Stunde des Tages gekreuzigt wurde. Das ist der Karfreitag. Mit ihm kreuzigte man zwei Raeuber auf dem Berge Zion, den man den "Schaedel" nennt, und auf hebraeisch heisst er Gulgolet. Er starb, wie sie sagen, in der neunten Stunde. Joseph von Arimathia, den man bulutani (Anm: aus dem Griechischen "bouleutes" = Ratsherr) nennt, erbat ihn von ihrem Oberhaupt Pilatus. Der gab ihn heraus, und Joseph bestattete ihn in einem Grab, das er fuer sich selbst angelegt hatte.
In der Nacht zum Sonnabend, der auf den Karfreitag folgt, feiert man die Verkuendigung an die Toten ueber die Ankunft Christi. Am Abend dieses Sonnabends ist das Fest der Auferstehung, und zwar behaupten sie, dass Christus einen Tag und zwei Naechte im Grabe blieb, dann sei er aus seinem Grab am Morgen des dritten Tages auferstanden, und das ist der Sonntag an dem das Fasten beendet wird.
Vom Ostersonnabend wird etwas erzaehlt, das den Naturwissenschaftler in Erstaunen und das er schwerlich als wahr anerkennen wird. Und wenn sich nicht die Gegner ueber die Nachrichten darueber einig waeren und berichtet haetten, es selbst gesehen zu haben, und wenn nicht hervorragende Gelehrte und andere Leute es in ihren Buechern ueberliefert haetten, koennte man sich nicht damit zufrieden geben. Ich habe es aus Buechern erfahren und auch von Al-Farag ibn Salih aus Baghdad gehoert, dass mitten in der
Auferstehungskirche (Anm: Kanisat al-qiyama, hier als Grabeskirche bekannt) in Jerusalem das Grab Christi unterirdisch aus einem Felsen ausgehauen ist. Darueber ist eine Kuppel und ueber dieser erhebt sich eine andere groessere Kuppel. Rund um den Felsen sind Podeste. Von dort schauen die Muslime zu. Die Christen und wer sonst an diesem Tag zum Ort des Grabes kommt, flehen und rufen zu Gott, dem Erhabenen, vom Mittag bis zum Abend. Es kommen auch der Muezzin der Moschee, der Vorbeter und der Emir der Stadt und setzen sich bei dem Grab nieder. Sie bringen Lampen mit, die sie daraufstellen, waehrend es noch verschlossen ist. Die Christen haben schon zuvor ihre Lampen und Leuchter geloescht und warten, bis dass sie ein reines weisses Feuer sehen, das eine Lampe zum Entflammen bringt. Davon werden die Lampen in der Moschee und in den Kirchen angezuendet. Dann macht man an den Kalifen einen schriftlichen Bericht ueber den Zeitpunkt, an dem das Feuer herabkam. Wenn es bald nach der Mittagszeit erfolgte, schliesst man auf ein fruchtbares Jahr; wenn es sich aber zum Abend hin verzoegert oder es noch spaeter wird, auf ein unfruchtbares. Derselbe Berichterstatter teilte auch mit, dass ein Herrscher anstelle des Dochtes einen Kupferdraht anbrachte, damit es sich nicht entzuenden und das ganze misslingen sollte. Als aber das Feuer herabkam, brannte das Kupfer. Die Herabkunft dieses Feuers an einem Tag, der nach einem bestimmten Zeitraum wiederkehrt, gibt Anlass zur Verwunderung. Was aber seine Entstehung anlangt, ohne dass eine sichtbare Materie dafuer vorhanden ist, so gibt es etwas, was noch wunderbarer und doch unbezweifelwar ist, da die Bedingungen fuer die Wahrheit des Berichteten vorliegen. In einem Aegyptischen Dorf gibt es eine Kirche, die von Leuten besucht wurde, auf deren Worte man sich verlassen kann, deren Meinungen akzeptiert werden und bei denen man davor sicher ist, dass sie auf einen Schwindel hereingefallen sind oder andere beschwindeln wollen. Sie sagen, dass es in ihr ein unterirdisches Gewoelbe gibt, in das etwa zwanzig Stufen hinabfuehren. In ihm befindet sich ein Bett und unter diesem in eine Lederdecke eingewickelt ein Mann und ein Knabe. Darueber befindet sich ein marmornes Gefaess und in dessen Inneren ein glaessner Krug und darin ein kupferner Docht und in dessen Inneren ein Docht aus Flachs. Diesen entzuendet man und giesst Oel darauf. Es dauert nicht lange, bis sich der glaeserne Krug mit Oel fuellt und in das Marmorgefaess ueberfliesst. Man verwendet es dann fuer die Kirche. Al-Gaihani berichtet, dass einmal ein vertrauenswuerdiger Mann den Ort besuchte und den Krug aus dem Gefaess heraushob. Er entleerte das Oel sowohl aus dem Krug wie aus dem Gefaess und blies die Flamme aus. Dann brachte er alles wieder an seinen Platz ausser dem Oel, denn er goss anderes auf, das er bei sich hatte, auch wechselte er den Docht gegen einen anderen aus und zuendete ihn an. Es dauerte nicht lange, da floss das Oel in dem Glaskrug ueber und in das Marmorgefaess, und dies ohne einen sichtbaren Ausgangsstoff. Er erwaehnt auch, dass die Flamme verloescht und das Oel nicht mehr ueberfliesst, wenn man den Toten unter dem Bett herausnimmt. Er berichtet auch von den Bewohnern dieses Dorfes folgendes. Wenn sich eine Frau schwanger fuehlt, hebt sie diesen toten Knaben heraus und legt ihn in ihren Schoss. Dann bewegt sich ihr Kind in ihrem Leibe, wenn es eine wirkliche Schwangerschaft ist. Andernfalls verliert sie die Hoffnung, wenn sie keine Bewegung verspuert.